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Was, wenn das Hitler-Attentat geglückt wäre?

Das Podium: Dr. Kersting, Prof. Mommsen, SchülerInnen

Eine Zusammenfassung des Vortrages

Zum 60. Jahrestag ist der ?20. Juli? in aller Munde. Die Widerständler um Stauffenberg werden als vorbildhafte Patrioten (so Bundespräsident Köhler) dargestellt.Doch bei allem Respekt für den Todesmut der Verschwörer bleibt zu fragen, welche Ziele der Kreis um Stauffenberg hatte. Anders ausgedrückt, wie sähe Deutschland heute aus, wenn der Umsturzplan erfolgreich gewesen wäre?

Auf Einladung der Volkshochschule Düsseldorf gastierte Professor Hans Mommsen in der Landeshauptstadt und beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der gesellschaftspolitischen Geisteshaltung der Attentäter und ihren Absichten für die Zeit nach dem Tyrannenmord. Am zweiten Tag seines Besuchs in Düsseldorf, dem 23.06., wollte der emeritierte Hochschullehrer seine Thesen auch jungen geschichtsinteressierten Menschen vorstellen. Für diese Veranstaltung gingen das Geschwister-Scholl-Gymnasium und die Hulda-Pankok-Gesamtschule eine ungewöhnliche Kooperation ein und luden Professor Mommsen zu Vortrag und anschließender Diskussion in die Aula. Trotz der Nachbarschaft der Schulen hatte es eine solche Zusammenarbeit, gewissermaßen einen Schüleraustausch, bisher nicht gegeben. Im Zuge der zukünftigen gemeinsamen Sporthalle sollen die Synergien jedoch genutzt werden, und dies wird sicher nicht die letzte dieser gemeinsamen Veranstaltungen gewesen sein.

Die Demokratie, die uns die Allierten brachten, war auf jeden Fall die bessere Alternative. Insofern kann man fast sagen, dass das Scheitern des Attentates ein Glücksfall für Deutschland war.? Mit einer solchen These verblüffte Mommsen seine Zuhörer aus den beiden 12er Geschichtsleistungskursen von GSG und HPG. Doch die zunächst provokante Formulierung konnte der Dozent im Weiteren erläutern und untermauern.

Die Vorstellungen der Verschwörer des 20 Juli waren keineswegs einheitlich und zum Teil nicht einmal stringent für die Umsetzung im Erfolgsfall bestimmt. Dies ist freilich den äußerst schwierigen Bedingungen für den Widerstand im totalen Überwachungsstaat des NS insbesonderein der Spätphase des Zweiten Weltkriegs nachzusehen. Fraglich ist durchaus, ob denn die Bevölkerung im Falle des logistischen Erfolges tatsächlich bereit gewesen wäre, den Putschisten zu folgen. Zwar war das NS-Regime mit seinem Krieg zwar vorrübergehend nach den Blitzsieg-Erfolgen (Polen, Frankreich) populär, doch mit dem Angriff auf die Sowjetunion schwand die Begeisterung zunehmend, und hatte sich bis 1944 eher in einen nicht offen gezeigten Unwillen gewandelt.

Ob der notwendige Tyrannenmord freilich akzeptiert worden wäre ist fraglich: Trotz des Leidensdruckes der Deutschen wurde der ?Führer? vom Unmut der Bvölkerung weitgehend ausgenommen (Mythos ?Wenn das der Führer wüsste?), während Himmler, Göring und Goebbels regelrecht verhasst waren. Fraglich ist auch, ob die Reste der Arbeiterbewegung und des linken Widerstandes bereit gewesen wären, den konservativ-reaktionären Vorstellungen der Verschwörer zu folgen bzw. diese in der kritischen Phase der Umsetzung des Staatsstreiches zu unterstützen.

Für die HPG a. d. Podium: Marie Altgen u. Max von Häring

Die politischen Vorstellungen der Verschwörer, die überwiegend aus konservativen Militärs bestanden, sind keineswegs einheitlich gewesen und wurden zum Teil unter den Widerständlern kontrovers diskutiert. Einig war man sich vor dem Hintergrund der Erfahrung mit der Weimarer Republik, den Weg der parlamentarischen Demokratie (so) nicht mehr zu beschreiten. Während die Kreisauer in ihren ?Grundsätzen für die Neuordnung? (Sommer 1943) eine Rückbesinnung auf ein christliches Menschenbild (im Gegensatz zur atheistischen Barbarei des NS) und eine Konzeption der ?kleinen Gemeinschaften? (Politik als Angelegenheit von Honoratioren, patrizisch orientiert) und gewissermaßen die Auflösung Deutschlands in einem europäischen Bundesstaat forderten, blieben die Probleme der Selbstverwaltung und politischen Willensbildung in einem modernen Staat weitgehend offen. Der als Reichsverweser avisierte Goerdeler war als ehemaliger Politiker eher eine Ausnahme in der Zusammensetzung der Widerstandsgruppe, Parlamentarier aus Weimar (also politische Erfahrung) fehlten fast vollständig. Während Goerdeler, der zunächst kaisertreu orientiert war, sich nur langsam von seinen Vorstellungen löste, stand Julius Leber (1891-1944) in der Tradition der SPD und versuchte auch den (von vielen Verschwörern völlig außer Acht gelassenen) kommunistischen Widerstand einzubringen.

Das demokratische System, das sich aus der Rücksicht als erfolgreich und nahezu selbstverständlich in Deutschland erwiesen hat, lag für die Verschwörer des Zwanzigsten Juli keineswegs auf der Hand. In ihren überweigend teils gewandten Vorstellungen zeigten sie sich eher als antiparlamentarisch und antidemokratisch (kein passives Wahlrecht für Frauen).

Der einstündige Vortrag Professor Mommsens, der hier nur stark gekürzt wiedergegeben werden kann, mündete schließlich in eine Diskussion, die von Herrn Dr. Kersting, dem stellvertretenden Schulleiter des GSG, moderiert wurde. Die Beiträge vom Podium und aus dem Publikum konzentrierten sich auf die Bedeutung des Attentats und seine singuläre Stellung als Widerstandsakt. Zentral war die Frage, warum es erst ?so spät?, lange nach dem Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges als ein militärischer Erfolg völlig aussichtslos und nur noch mit ?Endsieg?-Mythen glauben gemacht werden konnte, zu dieser Aktion kam. Dies liegt, so Mommsen, zum einen daran, dass viele Verschwörer zunächst begeisterte oder zumindest beeindruckte Anhänger Hitlers und seiner Expansionspläne waren. Zum anderen jedoch auch, dass etliche andere Attentatsversuche schon im Vorfeld misslangen und deshalb nie so bekannt wurden wie der 20. Juli. Der 20. Juli bekam schließlich ? anders als in der DDR, die den kommunistischen Widerstand betonte ? in der Bundesrepublik eine ?staatstragende? Bedeutung. Die beteiligten Offiziere wie Stauffenberg wurden sozusagen als moralisches Deckmäntelchen für den Mythos einer ?anständigen? Wehrmacht instrumentalisiert. Diese Legende wurde erst in den 90er Jahren u.a. durch die Ausstellung ?Verbrechen der Wehrmacht? relativiert und in die öffentliche Diskussion gebracht. Der 20. Juli bleibt also weiterhin ein Politikum, das es zu diskutieren lohnt.

In der Mensa der Hulda-Pankok-Gesamtschule wurde das Gespräch zwischen Herr Prof. Mommsen einigen Schülern und Vertretern der Schulleitung weiter geführt, ehe der Dozent zum nächsten Termin musste: Ein Empfang beim scheidenden Bundespräsidenten Johannes Rau.

Philipp Koep

Ein Prof. in der Schule - Die Sicht eines Schülers

Prof. Hans Mommsen

Die Stimme von Herr Mommsen war ein wenig schwach und akustisch manchmal je länger der Vortrag dauerte nicht so gut zu verstehen, aber man konnte mit ein wenig Konzentration eigentlich alles begreifen. Der Vortrag war vom Zusammenhang gut gegliedert, und es wurden auch Aspekte behandelt, über die im Vorfeld wenig diskutiert wurden war, was ich sehr gut fand. Am Ende des Vortrages wurden Fragen von Schülern beantwortet, die Fragen waren gut gestellt und wurden auch präzise wenn auch vielleicht ein wenig zu umfangreich beantwortet. Ich habe mir während des Vortrags Notizen gemacht, was nicht immer einfach war, denn die Informationsdichte war teilweise enorm. Immerhin, ein guter Einblick in das, was in den Universitäten abverlangt wird. Die Kooperation mit dem Geschwister Scholl Gymnasium kam in Bezug auf die redaktionelle Nachbetrachtung entgegen der Planung nicht zustande. Der Kooperationsgedanke scheint bei den Schülern auf beiden Seiten noch nicht ganz verinnerlicht zu sind. Trotzdem finde ich eine solche Gemeinschaftsveranstaltung sehr gut und könnte mir auch vorstellen, sie in Zukunft noch auszubauen. Insgesamt fand ich die Veranstaltung sehr gut, weil sie einen guten, konzentrierten Überblick über das Thema gab. Die Schüler haben, trotz einzelner Verständnisprobleme, die Veranstaltung dennoch als positiv empfunden.

Timo Friebus

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